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15.02.2012 15:42 Age: 5 yrs
By: ph

Neue TLDs - „Heiße Luft“ oder Zeitenwende im Internet?

Interview e-Commerce Magazin


In manchen Unternehmen wird die Frage noch diskutiert, welche Veränderungen bevorstehen und welche Möglichkeiten die eigene Domain-Endung bietet. In der Ausgabe 02/2012 des e-Commerce-Magazins beantwortet Peter Hupfauer die wichtigsten Fragen zu den neuen Top-Level-Domains.

 

Interview als PDF: Neue TLDs - „Heiße Luft“ oder Zeitenwende im Internet?

 

 

Das Interview als Text:

 

Neue TLDs: „Heiße Luft“ oder Zeitenwende im Internet?

 

Unternehmen wie SAP, RWE und Linde haben vor, sich bei der ICANN um eine eigene Top-Level-Domain zu bewerben. Nur noch bis zum 12. April sind Bewerbungen bei der ICANN möglich. Welche Veränderungen und Chancen bringen die neuen Top-Level-Domains (TLDs) mit sich?


->ecm: Was ist das Besondere an den Neuen Top-Level-Domains?

Peter Hupfauer: Mit dem neuen Programm der ICANN zur Einführung neuer generischer Top-Level-Domains besteht erstmals für Unternehmen die Möglichkeit, quasi als Herausgeber einer eigenen Domain-Endung selbst eine Zone im Internet zu gestalten. Der Herausgeber einer Domain-Endung bestimmt die Registrierungsbestimmungen, also die Regeln, wer eine Domain registrieren darf, ob und welche Auflagen oder inhaltliche Voraussetzungen zu erfüllen sind. Mit der Möglichkeit, die Rahmenbedingungen einer TLD selbst zu definieren, ist der Weg frei für neue Nutzungskonzepte für Domains und Inhalte unterhalb einer Domain-Endung.

->ecm: Worin liegt der Nutzen für Unternehmen und Marken?

Peter Hupfauer: Für Firmen und Marken liegt der Fokus auf der Markenkommunikation und der exklusiven Nutzung ihrer eigenen Zone. Sie können mit ihrem Namen oder ihrer Marke die oberste Ebene in der Domain-Hierarchie besetzen, damit gleiche oder ähnliche Namen als TLD ausschließen und die Inhalte unterhalb ihrer Domain-Endung nach eigenen Vorstellungen gestalten und auch in eigener Regie kontrollieren. Firmen und Marken sind unterhalb ihrer Domain-Endung "Herr im Haus" und können Niederlassungen, Händlern und Franchisenehmern eine Domain gewähren und unter dem Dach der Marke führen.

Für den Verbraucher bedeutet das ein höchstes Maß an Sicherheit und Vertrauen, denn innerhalb der Marken-Zone kann er sicher sein vor Betrügern und Plagiaten. Die eigene TLD bietet in der Kommunikation die Möglichkeit, den Firmen- oder Markennamen bei Internet- und E-Mail-Adressen quasi als Schlusspunkt und wie ein Gütesigel zu führen: Alles, was links neben der TLD steht, ist für den Internetnutzer auf den ersten Blick erkennbar im Namen oder Einvernehmen der Firma oder Marke. Beispiele wären „max.muster@service.bmw“ oder „www.jahreswagen.bmw“.

->ecm: Welchen Vorteil können TLDs wie .GOLF oder .BERLIN bieten?

Peter Hupfauer: Die zweite Gruppe neben Firmen und Marken sind eigenständige TLD-basierte Geschäftsmodelle, die die Vermarktung der Zone und ihren spezifischen Nutzen zum Unternehmenszweck haben. Der Nutzen kann vielfältig sein. Angefangen von der Identifikation mit einer Stadt oder Region bis hin zu spezialisierten TLDs wie zum Beispiel zum Thema Versicherung oder Golfsport.

Wenn es der Registry gelingt, über ihre Registrierungsrichtlinien eine Zone mit „guten“ Anbietern und spezifischen Inhalten zu etablieren und z.B. über einer TLD-Homepage und einer auf die Zone spezialisierten Suche zu ergänzen, dann können diese Sparten- oder Spezialisten-TLDs für den Verbraucher einen qualitativen Mehrwert bieten.

Sicherlich gibt es jetzt auch schon etablierte Portale und Websites zu spezifischen Themen, aber hierbei steht ein Betreiber im Zentrum, der die Inhalte seiner Website steuert und Inhalte von Partnerunternehmen einbindet. Damit sind diese Portalseiten oft nicht so vielfältig und kompetitiv wie das Angebot im Netz. Beim Konzept der spezialisierten Zone kann dagegen die Portalfunktion zusammen mit der Dynamik und Vielfalt des Webs genutzt werden, weil keine Implementierungen erforderlich sind und trotzdem über die Registrierungsbestimmungen die Qualitätsanforderungen gewahrt werden können. So können neue Sammel- und Anlaufstellen für Themen, Marken, Produkte, Branchen, Städte, Regionen, Sportarten, Dienstleistungen, etc.. entstehen.

->ecm: Verändern die neuen TLDs das Internet?

Peter Hupfauer: Ja, mit Sicherheit, denn bislang spielte die TLD kaum eine Rolle für den Internetnutzer. Bei den neuen TLDs wird die Domain-Endung zum Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal und selbst zur Marke. Obwohl das Web vom Prinzip her das gleiche bleibt, können die neuen TLDs mit ihren Portalseiten zu mehr Übersichtlichkeit für den Nutzer beitragen. Anstelle wie bisher über eine allgemeine Suchmaschine die Nadel im Heuhaufen Internet zu suchen, werden Portalseiten der Registries mit auf ihre Zone spezialisierten Suchfunktionen vielversprechende Einstiegsstellen für Internetnutzer werden.

Spannend wird auch der Einfluss der TLD auf das Ranking bei allgemeinen Suchmaschinen. Sofern die TLD als Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal geeignet ist, ist der Druck sehr hoch, die TLD beim Suchalgorithmus zu berücksichtigen, um die Qualität der Suchergebnisse zu optimieren. Damit könnten die "normalen" TLDs im Ranking absteigen und sich der Druck auf die TLD-Spezialisierung erhöhen.

->ecm: Mit welchen Kosten ist bei einer eigenen TLD zu rechnen?

Peter Hupfauer: Der laufende technische Betrieb einer TLD beginnt in der Größenordnung von 50.000 EUR im Jahr. Dazu kommt noch eine Gebühr, die die ICANN verlangt in Höhe von rund 20.000 EUR pro Jahr. Genauere Betriebskosten kann man nennen, wenn man weiß, mit welchem Volumen an Domains zu rechnen ist und das Nutzungskonzept und Richtlinien der Zone kennt. Die einmaligen Kosten liegen in der Größenordnung von 250.000 EUR für die Ausarbeitung der ICANN-Bewerbung, die Einrichtung des technischen Betriebs sowie die ICANN-Bewerbungsgebühr.

->ecm: Wie kommt man zur eigenen TLD?

Peter Hupfauer: Eine eigene TLD muss über ein Bewerbungsverfahren bei der ICANN beantragt werden. Dabei muss der Bewerber die organisatorische, technische und betriebswirtschaftliche Befähigung zum Betrieb der TLD nachweisen. Bei mehreren Bewerbungen um die gleiche TLD oder Namensähnlichkeit ist ein spezielles Verfahren vorgesehen.

Für die Beantwortung des technischen Teils der Bewerbung braucht man, sofern man den technischen Betrieb der eigenen TLD nicht selbst realisiert, einen spezialisierten Dienstleister wie registry.net, der das ICANN-konforme Registrierungssystem und die erforderlichen operativen Services zur Verfügung stellt. Für die Klärung der nicht-technischen Fragen und die Erstellung der Bewerbungsunterlagen kann es sinnvoll sein, eine Unternehmensberatung einzuschalten. Registry.net kooperiert hierfür eng mit einer Münchner Unternehmensberatung, um Registry Betrieb und ICANN-Bewerbung aus einer Hand bieten zu können.

->ecm: Worauf ist zu achten?

Peter Hupfauer: Die Entscheidung für eine eigene TLD ist eine strategische Entscheidung, die jetzt getroffen werden muss, denn es ist nicht bekannt, wann die ICANN nach der aktuell laufenden ersten Bewerbungsrunde, die am 12. April endet, die nächste starten wird. Experten rechnen mit der zweiten Runde nicht vor 2014. Bis dahin können First-Mover vor ihren Mitbewerbern sicher sein. Zudem gilt zwischen den Bewerbungsrunden das First-Come-First-Served Prinzip und ICANN erlaubt keine TLDs, bei denen eine Verwechslungsgefahr mit bereits bestehenden TLDs besteht. Die Chancen auf die gewünschte eigene TLD sind also in der ersten Runde am größten.

Die Anforderungen der ICANN an den technischen Betrieb einer TLD sind sehr hoch. Deshalb sollte man den Registry Service Provider sorgsam auswählen, zumal die Verträge in der Regel längerfristig geschlossen werden und der Wechsel des Registry Providers nicht einfach ist. Datenschutz und Serverstandort des Registry Providers können bei der Entscheidung ebenfalls eine Rolle spielen. Gleiches gilt für den Sitz des Providers, denn er ist in der Regel maßgeblich für das Vertragsrecht.

Auch die Sprache und die Nähe zum Provider sind bei der erforderlichen engen Zusammenarbeit nicht zu unterschätzen. Die Domain-Erfahrung des Registry-Dienstleisters kann auch bei der Vermarktung der Domains bzw. der Zone sehr hilfreich sein. Die Zeit bis zum letzten Abgabetermin der ICANN-Bewerbung am 12. April ist nur noch kurz. Deshalb empfiehlt es sich, Registry-Services und ICANN-Bewerbung im Paket vom Registry Service Provider aus einer Hand zu beziehen.